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„Demut ist mein Türöffner“

Luigi Toscano wurde von der UNESCO als „Artist for Peace“ für sein Langzeitprojekt Gegen das Vergessen ausgezeichnet. Er hat mehr als 400 Überlebende des Holocaust portraitiert. Der ehemalige Dachdecker und Türsteher fand durch Zufall zur Fotografie und beweist uns, dass es kreative Wege gibt, die Erinnerungskultur zu bewahren und zu stärken.

Viel wird über den Umgang mit der Erinnerung und der Kultur der Erinnerung diskutiert. Unendlich groß werden die Fragen angelegt, ob beispielsweise der Holocaust ein geschichtlich singuläres Ereignis war oder nicht. Ich erlebe diese Diskussionen als wenig nützlich, sind sie doch mittlerweile häufig so professionalisiert oder akademisiert, dass kein Herz mehr darin liegt. Wissenschaftler oder selbsternannte Gelehrte können sich darüber schlau fühlen, einen bestimmten Standpunkt zum Thema zu haben, aber leisten mit ihrer Meinung keinen fasslichen Beitrag zur Erinnerungskultur. Anders eben Luigi Toscano, der viele der noch Überlebenden fotografisch und steckbriefartig portraitiert hat. „Demut ist mein Türöffner“ – so beschreibt er, wie er an die Erlebniswelten und Geschichten der Holocaust-Überlebenden herankommt. Das heißt eben auch: Nicht über müßige Diskussionen wer recht hat, sondern über Zuhören und Einlassen auf die Menschen , die das wirklich erlebt haben. Hier liegen die Erinnerungen, die uns erzählen, was passiert ist.

Die Fotografien wurden zuerst 2015 in Mannheim ausgestellt, wurden aber mittlerweile auch in Städten wie New York, Paris und Pittsburgh präsentiert. Kurz möchte ich zufällig ausgewählte, von Luigi portraitierte Schicksale erwähnen: Da wäre Anna Strishkowa, deren Eltern nach der Deportation in Auschwitz ermordet wurden. Sie selbst war ein „Versuchskind“ von Dr. Mengele. Oder Susan Cernyak Spatz, die 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde und im Januar 1945 den „Todesmarsch“ nach Ravensbrück mitmachte. Sie wurde im Früjahr 1945 von der roten Armee befreit und verstarb im November 2019. Lidija Turowskaja war am Warschauer Aufstand beteiligt und danach in mehreren Konzentrationslagern.

Es sind diese Bilder, die Erzählungen, die Schicksale, die unser Empfinden berühren und schärfen. Wenn die Zeitzeugen mal nicht mehr sind, werden wir es immer schwieriger haben, den Gedanken und die Mahnung aufrecht zu erhalten, aber dank solcher Projekte wie Luigis Portraitierung der Überlebenden können wir auch noch in 100 Jahren dem Horror und der Grausamkeit dieser Zeit nachspüren.

Zusätzlich zu der Auszeichnung „Artist of Peace“ wird Luigi Toscano im Oktober 2021 für sein Projekt „Gegen das Vergessen“ mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.